„Das Potenzial ist gigantisch“: Russlands Generalkonsul in Bonn Alexey Dronov über die russisch-deutschen Beziehungen

Родительская категория: Общество Автор: Daria Boll-Palievskaya Просмотров: 693
In einem Interview mit Russland.news sprach der russische Diplomat über seine Vision der russisch-deutschen Beziehungen, die Aussichten für ihre Entwicklung, den Beitrag des Generalkonsulats zu diesem Prozess und die Rolle der in Deutschland lebenden russischen Landsleute.

 

 

- Alexey Alexandrowitsch, Sie haben das Amt des Generalkonsuls zu einer ziemlich seltsamen, pandemischen Zeit übernommen.

 

- Es war eine Herausforderung. Man kann kaum von ernsthafter diplomatischer Arbeit sprechen, wenn es keinen intensiven persönlichen Kontakt gibt. Denn dauerhafte Geschäftsbeziehungen beruhen immer auf menschlichen Beziehungen. In unserem Beruf ist das eine Frage des Prinzips. Wir haben versucht, einen Ausweg aus dieser Situation zu finden, indem wir die gesamte Palette der Online-Mittel eingesetzt haben.

Wir haben zunächst alle Ministerpräsidenten des Konsularbezirks des Russischen Generalkonsulats in Bonn (Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Saarland) und die Oberbürgermeister mehrerer Städte angeschrieben, darunter auch solche, die Partnerschaftsbeziehungen zu russischen Städten unterhalten.

 

Ich möchte anmerken, dass mich die Informationen über die Anzahl und das „Profil“ solcher Partnerschaften sehr ermutigt haben, als ich mich in meiner neuen Stelle ein wenig umgesehen habe. Allein in Nordrhein-Westfalen gibt es 24 (weitere 2 in Rheinland-Pfalz und leider keine im Saarland). Es ist uns gelungen, Kontakte zu knüpfen und Videokonferenzen oder persönliche Treffen mit den Oberbürgermeistern von Düsseldorf, Münster, Köln, Essen, Herne, Ludwigshafen und Schloss Holte-Stuckenbrock abzuhalten.

Leider haben einige Gemeinden nicht auf meine Anfrage geantwortet oder kein Interesse gezeigt, mich kennen zu lernen oder zu treffen. Wir werden versuchen, diese Situation zu ändern.

 

- Haben Sie die Oberbürgermeisterin von Bonn, Frau Katja Dörner kennengelernt?

 

- Ich ging davon aus, dass die Bonner Stadtverwaltung, die sich stets für die Stärkung des internationalen Status der Stadt einsetzt, an einem Treffen mit dem Leiter des russischen Generalkonsulats interessiert ist, um uns kennen zu lernen und mit uns „Brücken zu bauen“. Übrigens sind wir das einzige Mitgliedsland des UN-Sicherheitsrates, das nach dem Umzug der deutschen Hauptstadt nach Berlin in Bonn geblieben ist. Es gibt auch viele Landsleute, die in Bonn und Umgebung leben und für die wir konsularische Dienstleistungen erbringen. Wir haben jeden Tag praktische Probleme, die besser in Zusammenarbeit mit den städtischen Behörden gelöst werden können.

 

Ein konkretes Beispiel ist die Errichtung eines Vordachs vor dem Konsulat, damit die Menschen (die meisten von ihnen sind deutsche Staatsbürger) nicht im Regen stehen müssen, wenn sie auf einen Termin warten. Wir hatten mehrere Monate auf eine Antwort auf unseren Vorschlag, ein Treffen zu organisieren, gewartet, das leider nicht stattfand. Jetzt freuen wir uns auf ein Treffen mit Herrn Fuchs, dem Leiter der Bonner Stadtdirektion, Ende September. Ich kann nur hoffen, dass wir eines Tages auch die Gelegenheit haben werden, Frau Dörner kennenzulernen.

 

- In einigen Kreisen in Deutschland ist es üblich davon zu reden, dass trotz der ungünstigen Beziehungen zwischen Russland und Deutschland diese erhalten und wenn möglich ausgebaut werden sollten, zum Beispiel auf kommunaler Ebene.

 

- Ich bin auch für diesen Ansatz. Insgesamt hat man den Eindruck, dass sich in den Beziehungen zwischen unseren Ländern „zwei Agenden“ herausbilden. Die eine ist aus einer „Parallelrealität“, absolut „unecht“, überladen mit „Negativität“ und, ich wage es zu sagen, nicht auf Initiative oder durch die Schuld der russischen Seite. Auf deutscher Seite herrschen düstere Töne vor, die sich teilweise wie „Zivilisationismus“ und „militanter Transatlantismus“ anhören. Ich habe nicht den Eindruck, dass die deutsche Bevölkerung Russland auf diese Weise wahrnimmt. In Gesprächen sagen viele Deutsche ganz offen: „Ich verstehe nicht, was der Sinn unserer Politik gegenüber Russland ist und was sie bezwecken soll“.

 

Die andere Agenda, die „echte Agenda“, ist geprägt von gesundem Menschenverstand, nüchternen Einschätzungen und den objektiven Bedürfnissen der Menschen „vor Ort“. In Gesprächen mit Kommunal- und Landespolitikern, mit Vertretern der deutschen Wirtschaft und Zivilgesellschaft sowie mit den Bürgern in Deutschland habe ich nicht den Eindruck, dass die Menschen in einer Stimmung der Feindseligkeit und Ablehnung gegenüber Russland sind. Im Gegenteil, ich höre sie oft sagen: Lassen wir die „politische Rhetorik“ beiseite und sprechen wir über konkrete Dinge und Projekte, wie die Zusammenarbeit bei der Entwicklung der städtischen Infrastruktur, der Medizin und dem Austausch von Studenten und Wissenschaftlern.

 

Bei meinen Gesprächen mit einer großen Anzahl von Menschen, die im Konsularbezirk Bonn leben, konnte ich ein lebhaftes und aufrichtiges Interesse an Russland feststellen, das sich seines großen Potenzials und seiner Bedeutung für Europa und Deutschland bewusst ist. Die Menschen sind für den Ausbau der Zusammenarbeit mit unserem Land und wollen Russland und seine Menschen besser kennen lernen. Manchmal gibt es jedoch einen „hemmenden“ Druck „von oben“, vor allem in den Medien, mit einem Hintergrund, der bewusst alarmierend und bedrohlich ist. Besonders stark ist der Versuch, diesen Druck auf diejenigen zu „projizieren“, die sich für die Entwicklung der russisch-deutschen Beziehungen einsetzen. Dies scheint mir ein beunruhigendes Symptom zu sein.

 

- Ein weiterer Teil Ihrer Tätigkeit als Generalkonsul ist die Arbeit mit russischen Landsleuten.

 

- In den drei Bundesländern, die zu meinem Konsularbezirk gehören, gibt es viele gut ausgebildete, kreative und auch zweisprachige Menschen. Sie sind oft sehr initiativ und organisieren auf freiwilliger Basis ihre eigenen Schulen, auch zum Erlernen der russischen Sprache. Auf diese Weise bringen sie ihre sprachliche und kulturelle Identität klar zum Ausdruck, die in der Regel durch ein tiefes Bewusstsein ihrer historischen Verbindung zu Russland oder zu der Sowjetunion ergänzt wird. Wenn wir von „Landsleuten“ sprechen, meinen wir genau das.

 

In diesem Zusammenhang treten die Staatsbürgerschaft – so wichtig sie auch sein mag – und der Besitz eines russischen Passes in den Hintergrund. Es sei darauf hingewiesen, dass das Konzept des „Landsmanns“ mit „gesamtrussischer kultureller Identität“ jetzt nicht nur in einem föderalen Gesetz, sondern auch in der Verfassung der Russischen Föderation verankert ist. Die Arbeit mit Landsleuten ist vielfältig. Die Aufgabe des Schutzes von Rechten und rechtlichen Interessen ist untrennbar mit den Bemühungen verbunden, diese „Gemeinschaft“ zu konsolidieren und die Koordinierung im Rahmen der Entwicklung und Umsetzung konkreter Projekte herzustellen.

 

Oft wissen einige Landsleute nicht, was andere tun. Ich sehe meine Aufgabe darin, diese wichtigen Aufgaben zu erleichtern. Ein weiterer vorrangiger und äußerst vielversprechender Arbeitsbereich ist das „historische Gedenken“. In Deutschland sind noch immer Hunderttausende von sowjetischen Kriegsgefangenen, nach Deutschland geschickten Zwangsarbeitern oder bereits hier geborenen Kindern in Massengräbern verscharrt – oft ohne Kennzeichnung. Oft stehen keine Namen oder Kreuze auf ihren Gräbern. Gleichzeitig findet man in unmittelbarer Nähe, manchmal sogar auf demselben Friedhof, gepflegte Gräber ehemaliger SS- und Gestapo-Angehöriger.

 

Ich glaube, dass die Suche nach den Namen der sowjetischen Bürger, die in deutschen Lagern ermordet und gefoltert wurden, ein ernsthaftes Problem ist, das gemeinsame Anstrengungen von Behörden, wissenschaftlichen Einrichtungen, der Zivilgesellschaft und Einzelpersonen sowie eine sorgfältige Arbeit, auch in den Archiven, erfordert. Wir sollten daher darauf achten, „horizontale“ Verbindungen zu den vielen Bürgerinitiativen, Organisationen und Aktivisten vor Ort herzustellen, die sich dieses Problem zu Herzen nehmen und es in ihrer Stadt und Gemeinde angehen wollen.

 

Darüber hinaus möchten wir in unserem Konsularbezirk auf der Grundlage der deutschen Gesetzgebung den Aufbau eines Bildungssystems in russischer Sprache vorantreiben, das das gesamte „Kontinuum“ – vom Kindergarten über das Gymnasium bis zur Universität – abdeckt. Nach meinen Beobachtungen ist die Nachfrage nach einem solchen System – insbesondere bei meinen Landsleuten – enorm.

Hier gibt es ein erhebliches Potenzial, das in verschiedenen Bereichen der deutsch-russischen Beziehungen genutzt werden kann, zum Beispiel bei Großprojekten in den Bereichen Wirtschaft, Handel und Investitionen, Wissenschaft und Kultur sowie Tourismus. Es ist wichtig, dass das Erlernen oder die Vertiefung der russischen Sprache zusätzliche und attraktive Möglichkeiten der Selbstverwirklichung für junge Menschen schafft. In der Zwischenzeit ist das Interesse an der russischen Sprache in Deutschland leider immer noch rückläufig.

Ähnlich verhält es sich übrigens mit der deutschen Sprache in Russland, die traditionell eine der am meisten studierten Sprachen in unserem Land war. Ich vermute, dass dies nicht zuletzt eine Folge der Enttäuschung der Russen über die Politik der Bundesregierung in der „russischen Frage“ ist. Aber die Sprache ist der Schlüssel zum Verständnis der Kultur und der Seele eines jeden Volkes, einschließlich des russischen Volkes mit seiner reichen Geschichte und Kultur. Das ist sehr wichtig, vor allem, wenn zwischen den Völkern so enge historische und menschliche Verbindungen bestehen wie zwischen den Völkern Russlands und Deutschlands.

 

Eine weitere wichtige Priorität ist der Ausbau der kulturellen Kontakte und Beziehungen. Insbesondere wollen wir die hervorragenden Räumlichkeiten des Generalkonsulats, das früher die sowjetische und dann die russische Botschaft in Deutschland beherbergte, als attraktiven Ort für kulturelle Veranstaltungen und Begegnungen bestmöglich nutzen. In Übereinstimmung mit den durch die Pandemie auferlegten Einschränkungen beginnen wir vorsichtig, uns in diese Richtung zu bewegen.

 

 

So fand am 24. September eine internationale juristische Konferenz über aktuelle Probleme der Einhaltung der Rechte von Landsleuten statt, und für Anfang Oktober ist eine Jugendkonferenz von Landsleuten geplant. Im November ist ein Runder Tisch zum Thema Umsetzung des Bundesprogramms zur Aussiedlung von Landsleuten geplant, an dem das Interesse in letzter Zeit spürbar gewachsen ist.

 

Insgesamt wollen wir den Weg zu einem der Zentren für weltliche und kulturelle Veranstaltungen in der Stadt Bonn und im Konsularbezirk Bonn anführen, um die Tradition der Musikkonzerte und Exkursionen für Schüler und Studenten wieder aufzunehmen.

 

Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um die Leser von russland.NEWS herzlich zu grüßen und ihnen alles Gute zu wünschen! Bleiben Sie gesund!

 

Daria Boll-Palievskaya

 

Quelle: russland.news

 

Foto: Russisches Generalkonsulat in Bonn

 

"Русское поле"