Pfarrer Mihail RAHR: Predigt zur Apodosis der Taufe Christi (27.01.2013)

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Pfarrer Mihail RAHR
Predigt zur Apodosis der Taufe Christi (27.01.2013)

Liebe Brüder und Schwestern,

der heutige Sonntag bildet gleichzeitig den Abschluss des Festes der Taufe Christi, das von seiner heilsgeschichtlichen Bedeutung und seiner liturgischen Form auf das Engste mit dem Fest der Geburt Christi

verbunden ist. Wie wir ja schon wissen, wurden beide Feste in der Frühzeit der Kirche gemeinsam als „Theophanie“ (Erscheinung Gottes) gefeiert. Diese Gemeinsamkeiten wollen wir zum Gegenstand unserer heutigen Reflektionen machen, denn bei entsprechender Aufmerksamkeit konnten wir in den hinter uns liegenden Tagen beobachten, dass es viele theologische, biblische aber auch liturgische Parallelen zwischen beiden nunmehr zwölf Tage auseinander liegenden Festen gibt.

1. Erscheinung Gottes / Vereinigung von Gott und Mensch
Bei der Geburt Christi erscheint Gott dem Fleische nach in der Welt. Der Unfaßbare und Ewige tritt quasi in die Begrenztheit von  Raum und Zeit ein. Gott vereinigt Sich mit dem Menschen in der Person des Gottmenschen Jesu Christi. „Wahrhaftig, das Geheimnis unseres Glaubens ist groß: (Gott) wurde offenbart im Fleisch“ (1 Tim. 3: 16). Hier äußert sich die Gnade Gottes darin, dass GOTT MENSCH WIRD.
Bei der Taufe Christi erscheint Gott als Trinität: der Vater bezeugt die urewige Sohnschaft Christi, der Sohn wird von Johannes im Jordan getauft, der Heilige Geist steigt in Gestalt einer Taube vom Himmel auf den Sohn herab. Durch die Taufe vereinigt sich der Mensch mit Gott in der Person des Gottmenschen Jesu Christi. „Denn die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten“ (Tit. 2: 11). Hier öffnet die Gnade Gottes die Möglichkeit dazu, dass der MENSCH GOTT WIRD (zwar nicht dem Wesen, gleichwohl aber der Gnade nach).

2.  Synergismus (Zusammenwirken Gott - Mensch)
Gott allein rettet den Menschen. Dies ist aber nicht ohne das Einverständnis bzw. das ungezwungene Mitwirken des Menschen möglich.
Vor der Menschwerdung Gottes gibt die allreine Jungfrau Maria, stellvertretend für die gesamte Menschheit, im Dialog mit dem Engel Ihre Zustimmung dafür, dass Gott die Menschen erlöst: „Ich bin die Magd des Herrn; Mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lk. 1: 38). Und so feiert die Kirche am zweiten Weihnachtstag die „Versammlung“ (gr. synaxis, slaw. соборъ) der Gottesgebärerin – einen Tag, an dem wir uns zu Ehren der Gottesgebärerin in der Kirche „versammeln“.
Vor der Gottwerdung des Menschen kann Johannes der Täufer, der Höchste unter den Menschen (s. Mt. 11: 11 und Lk. 7: 28), zunächst nicht fassen, dass der Herr des Himmels durch die Hand eines Knechts getauf werden soll. Doch dann willigt er, auf Zuspruch Christi hin, im Namen aller Menschen ein, damit die „Gerechtigkeit Gottes ganz erfüllt“ (s. Mt. 3: 13-17) werden kann. Dementsprechend wird am zweiten Tag des Festes der Taufe Christi die Synaxe zu Ehren Johannes des Täufers gefeiert.

3. Beginn der Frohen Botschaft
Am Sonntag vor der Geburt Christi lesen wir den Beginn des Matthäus-Evangeliums, das uns den Stammbaum der leiblichen Vorfahren Christi offenbart. Deshalb ist der Mensch auch Symbol für das Evangelium des Matthäus (s. Ez. 1: 10 und Offb. 4: 7).
Am Sonntag vor der Taufe Christi wird der Beginn des Markus-Evangeliums gelesen. Berichtet wird von Johannes dem Täufer, der in der Wüste auftritt und Umkehr und Taufe verkündet zur Vergebung der Sünden (s. Mk. 1: 4). Somit ist der Löwe (ein Wüstentier) Symbol für das Evangelium des Markus (s. Ez. 1: 10 und Offb. 4: 7).

4. Liturgische Kongruenz
Sowohl Weihnachten, als auch Epiphanias haben als einzige Feste im Kirchenjahr einen „Vorabend“, d.h. einen strengen Fastentag als Präludium, an dem an üblicher Stelle keine Liturgie gefeiert wird, sondern die sog. Königsstunden mitsamt Typika (slaw. изобразительные = „Darstellung“ der Liturgie an ihrer selbst Statt)  gelesen werden. Somit ähnelt die liturgische Struktur beider Feste dem „Fest der Feste“ (Ostern), denn sonst werden nur noch am Karfeitag  morgens die Königsstunden gelesen. Diese asketische Besinnung dient dazu, dass die geistliche Freude am Festtag selbst in umso größerem Umfang in den Herzen der Menschen Einzug halten kann.

5. Die Gegenwehr des „Herrschers dieser Welt“ (s. Joh. 12: 31; 14: 30; 16: 11)
Bei Matthäus lesen wir von der Flucht nach Ägypten (s. Mt. 2: 13-15) kurz nach der Geburt des Herrn. Die Mächte des Bösen in Person des Herodes reagieren auf die Erscheinung Gottes in der Welt mit der Tötung der unschuldigen Kinder von Betlehem (s. Mt. 2: 16-18).
Das Markus-Evangelium überliefert uns den Weggang des Herrn nach Galiläa im Anschluss an die Gefangennahme des Vorläufers Johannes (s. Mk. 1: 14-15). Wieder flieht der Herr, Der nun zu Beginn Seines Erlösungswerks der Welt erschienen ist, aus Judäa. Wieder ist es ein Herodes (Antipas), der nach Seinem Leben trachtet, doch dieses Mal fließt das unschuldig vergossene Blut des Täufers Johannes, den Herodes enthaupten lässt.

Hauptthema unserer heutigen Homilie ist jedoch der Glaube von uns Christen, vielmehr die Frage, woran wir glauben. Wir sind getauft, also sind wir Christen. Gut. Aber was bedeutet das für uns? Manche „Gläubige“ sagen: „Ich glaube an Gott, basta! Der ganze kirchliche und theologische Kram interessiert mich aber nicht im Geringsten“. Sie übersehen dabei jedoch, dass nach den Worten der Heiligen Schrift jeder Christ verpflichtet ist, „jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung  fragt, die euch erfüllt“ (1 Petr. 3: 15).

Nun denn: Wir Menschen sind als „Abbild Gottes“ (Gen. 1: 27) geschaffen worden. Unsere Berufung bestand und besteht darin, dieses uns unumstößlich verliehene Abbild „zur Ähnlichkeit Gottes“ (s. Gen. 1: 26) zu verwirklichen. Da der Mensch durch den Sündenfall diese Möglichkeit der Vereinigung mit Gott verwirkt hat, hat Sich Gott von Sich aus in der Person Jesu Christi herabgelassen, „den Menschen gleich“ (Phil. 2: 7) zu werden.

So wird am Tag der Taufe des Herrn eine Stelle aus dem Titus-Brief gelesen, die wie kaum eine andere deutlich macht, wie dieses Zusammenwirken göttlicher Allmacht und menschlicher Unvollkommenheit zu unserer Erlösung Gestalt annimmt: „Die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten. Sie erzieht uns dazu, uns von der Gottlosigkeit und den irdischen Begierden loszusagen und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt zu leben, während wir auf die selige Erfüllung unserer Hoffnung warten: auf das Erscheinen der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters Christus Jesus. Er hat Sich für uns hingegeben, um uns von aller Schuld zu erlösen und Sich ein reines Volk zu schaffen, das Ihm als Sein besonderes Eigentum gehört und voll Eifer danach strebt, das Gute zu tun“ (Tit. 2: 11-14).

Und noch eines wird an Festtagen wie der Theophanie offenkundig: dass es  nämlich einen beträchtlichen Unterschied zwischen Glauben und Aberglauben gibt, obgleich nur sehr wenigen bewusst sein dürfte, wo genau die Trennlinie zwischen beiden verläuft.

Deshalb ist es für uns zum Abschluss dieser beiden großen Feste im Kirchenjahr unerlässlich, ganz grundsätzlich über unseren Glauben zu meditieren. Wir wissen, dass wir durch den Glauben und die Taufe zu Christen werden: „Ihr seid alle durch den Glauben Söhne Gottes in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus (als Gewand) angezogen“ (Gal. 3: 26-27; s. auch Mk. 16: 16). Das bedeutet, dass wir, dass jeder von uns mittels Gnade des Heiligen Geistes in der Taufe und Myronsalbung zu „Christus“ geworden ist. Wir sind ja „auf den Namen Jesu, des Herrn“ (Apg. 19: 5) getauft. Die frühchristlichen Martyrer antworteten ja, als sie von ihren Peinigern nach ihrem Namen gefragt wurden: „Wir sind Christen!“ Erst danach nannten sie ihre bürgerlichen Namen. Und fromme Christen zu allen Zeiten pfleg(t)en zu sagen: „Der wichtigste Tag in meinem Leben ist/war die Auferstehung Christi“. Nach menschlicher Denkweise klingt das unlogisch, sogar absurd. Nicht aber infolge des Mysteriums der Menschwerdung Christi, die doch Herzstück unseres Glaubens ist (s. 1. Tim. 3: 16 und Phil. 2: 7). Der Apostel Paulus fragt uns:„Wisst ihr denn nicht, dass wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf Seinen Tod getauft worden sind?“ Und weiter fährt er fort: „Wir wurden mit Ihm begraben durch die Taufe auf den Tod; und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben. Wenn wir nämlich Ihm gleich geworden sind in Seinem Tod, dann werden wir mit Ihm auch in Seiner Auferstehung vereinigt“ (Röm. 6: 3-5).
Diese Einswerdung mit Christus ist aber nur möglich in der „Kirche des lebendigen Gottes, die die Säule und das Fundament der Wahrheit ist“ (1 Tim. 3: 15). In ihr, d.h. durch die Mysterien – Taufe, Myronsalbung, Eucharistie – werden wir zu Teilhabern des Erlösungswerks Christi, „Der unseren armseligen Leib verwandeln wird in die Gestalt Seines verherrlichten Leibes, in der Kraft, mit der Er Sich alles unterwerfen kann“ (Phil. 3: 21). Da die Kirche „Sein Leib“ ist und von „Ihm erfüllt“ ist, „Der das All ganz und gar beherrscht“ (Eph. 1: 23; s. auch Röm. 12: 4; Eph. 4: 12; Kol. 1: 15-20), manifestiert sich Gottes Gnade auf Erden in der Kirche Christi. Durch diese göttliche Gnade, die jenseits von Raum und Zeit wirkt, werden wir in der Kirche zusammen mit den Hirten Zeugen der Geburt des Herrn in Betlehem; durch die Gande schöpften wir vor wenigen Tagen in der Kirche das Wasser des Jordans, das durch die Taufe Christi zusammen mit der ganzen Schöpfung geheiligt wurde; durch die Gnade sind wir in der Kirche jedesmal Teilnehmer des Abendmahls, das Christus vor zweitausend Jahren mit Seinen Jüngern gehalten hat. Und so werden wir in der Kirche zu Teilhabern Seines Todes (eigentlich ist Er als Unsterblicher freiwillig zum Teilhaber unseres Todes geworden), zu Teilhabern Seiner Auferstehung, Seiner Auffahrt in den Himmel und Seines Sitzens zur Rechten des Vaters. All das ist, wenngleich aufgrund der Begrenztheit des menschlichen Verstandes nur bruchstückhaft, allein durch das Mysterium der Fleischwerdung Christi begrifflich zu machen – der Vereinigung von Gott und Mensch im Leib Christi, also in der Kirche. In ihr, und nicht in einem luftleeren Raum (z.B. „im Herzen“), spielt sich unsere Vereinigung mit Gott ab. Das ist das Fundament unseres Glaubens. Denn nur unter der Bedingung der Christus-Bezogenheit unseres ganzen Denkens und Handelns können wir uns auch Christen nennen.

Demgebenüber gibt es den nicht weiter definierten „Glauben an Gott“, dem wohl die überwiegende Mehrheit der zeitgenössischen orthodox getauften Russen, Serben und Bulgaren anhängen. Ich kenne nicht wenige von dieser Sorte, die sich selbst als „tief gläubige Menschen“ bezeichnen, die aber nie an der Heiligen Kommunion teilnehmen, die wie selbstverständlich ihre Kinder taufen lassen (damit sie immer schön gesund bleiben, später gut in der Schule sind und von böser Einwirkung geschützt sind), die womöglich noch kirchlich heiraten (damit die Ehe glücklich wird), die vom Priester ihre Häuser, Autos und Geschäfte segnen lassen (damit der Haussegen nicht schief hängt, damit es auf der Straße nicht kracht und damit der Rubel rollt), die ganz sicher zu Ostern ihre bunt bemalten Eier segnen lassen und zur Theophanie kanisterweise Weihwasser nach Hause tragen. Das alles ist, wenn es außerhalb des Kontextes des Mysteriums der Fleischwerdung Christi geschieht, nichts anderes als Aberglauben. Er hat nicht Christus, nicht Gott an Sich, sondern vielmehr materielle, irdische Bedürfnisse zum Gegenstand. Es ist eine moderne Form des Heidentums, wenn auch mit dem Anstrich christlicher Frömmigkeit.

Ich könnte mich noch lange über dieses, mein „Lieblingsthema“, auslassen. Es wäre ja fast schon komisch, wenn es nicht so traurig wäre. Da wir aber heute nicht im Gotteshaus, sondern nur virtuell miteinander kommunizieren, erlaube ich mir, unseren heutigen Diskurs an diesem Tage auf einer heiteren Note abzuschließen. Mich dünkt nämlich, dass sich auf diese Weise der Unterschied zwischen Glauben und Aberglauben am besten einprägen kann.

Ein orthodoxer Priester erzählt seinem „Kollegen“ aus der Nachbarsgemeinde, er hätte eine große Plage mit Fledermäusen in seinem Kirchturm. Alles habe er schon versucht: zunächst Weihwasser, dann Schreckmunition, zuletzt Rattengift – alles sei umsonst gewesen. Daraufhin sagt ihm sein Amtsbruder: „Oh, das Problem kannte ich früher auch. Ich habe mich aber vor einigen Jahren dazu entschlossen, alle Fledermäuse zu taufen – und schwups! - sah ich sie danach nie mehr wieder in meiner Kirche“.

Amen.

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"Русское поле"

Автор: Pfarrer Mihail RAHR Просмотров: 5483